Der Richtigmach-Modus

„Wie geht es denn nun richtig? Was ist denn der richtige Ton?“

Diese Frage stellen mir immer wieder verschiedene Teilnehmer/innen – wie geht „richtiges Sprechen“? Ich ertappe mich oft dabei, wie ich bei der Frage kurz schuldbewusst zusammenzucke, weil ich denke: „Keine Ahnung – es kommt ganz drauf an!“

Doch genau da wohnt eine große Sehnsucht von vielen Menschen: Es eben richtig zu machen.

Gut, wir können über Aspekte von richtig und falsch reden. Es gibt zum Beispiel die „richtige Aussprache“ für uns Sprecher im Tonstudio. Das wird die Endung „-ig“ zu „-ich“. Das wäre folglich also richtich, äh, richtig. Fast immer zumindest, weil es wie so oft auch Ausnahmen gibt. Jeder, der sich mit der deutschen Aussprache beschäftigt, weiß, dass es so einige Regeln gibt, die es zu beachten gilt. Schuld daran ist unter anderem der Urvater der deutschen Aussprache, Theodor Siebs. Ein spannendes Feld, aber für einen Mitarbeiter im Vertrieb oder eine Führungskraft nicht wirklich relevant. So, also, wo wohnt der denn nun, der richtige Ton?

Für mich ist richtig bestenfalls noch so etwas wie gesund. Ist die Stimme gesund, hört sie sich frei an, ist sie unangestrengt, funktioniert das Instrument? Das wäre also auch ein Aspekt von richtig. Dazu gehören ein fließender Atem, eine physiologisch unterstützende Körperhaltung.

Darüber hinaus bin ich kein großer Fan vom „Richtigmachen“. Denn: Es macht uns unfrei, macht uns gänzlich fest. Und das ist dann das Gegenteil vom Sprechen, das Menschen berührt. Dieses Richtigmachenwollen kriecht in die Seele der Menschen, lenkt sie beim Sprechen ab: Sie fühlen sich dabei klein und ungenügend, nicht wirksam. Wenn wir in diesem Modus sprechen und alles beachten wollen, was man beachten kann, dann schwächen wir unseren eigenen Zustand, denn: Wir fokussieren uns nur auf uns selbst! Damit haben wir gar keinen Raum mehr für unser Gegenüber. Kommunikation fährt gegen die Wand, Missverständnisse entstehen.

In meinem Verständnis ist das richtige Sprechen etwas ganz anderes, und hier geht es viel weniger um Sprechtechnik, als wir denken: Sprechtechnik hilft dabei, den Ausdruck zu stärken und damit eigene Kräfte beim Sprechen freizusetzen. Kräfte, die unsere Begeisterung durchlassen, die unsere Einwände hörbar machen und die uns als Persönlichkeiten klingen lassen. Sprechtechnik ist auf keinen Fall dafür geeignet, es immer richtig zu machen. Das würde schrecklich fade klingen, wenn alle immer richtig sprächen!

Was also dann? Entscheidend für den richtigen Ton im Kontakt mit anderen ist eine Fähigkeit, die uns förmlich in die Wiege gelegt wurde und uns als Menschen ausmacht: Die Einfühlung. Wenn ich mich in einen Menschen einfühle, wenn ich etwas über seine Bedürfnisse erahne, wenn ich gut zuhöre und mich auf den anderen einstimme – wenn ich dann die verschiedenen Farben meiner Stimme dazu nutze, um empathisch auf den anderen einzugehen – dann gelingt das Sprechen. In guten, vertrauten  Situationen gelingt das wie von selbst. In unseren kniffligen Situationen kann Sprechtechnik und Rhetorik dabei behilflich sein, auf den anderen einzugehen, ihn zu sehen, ihm das auch mitzuteilen. Wir überwinden dann mithilfe dieser Mittel die eigene Angst und kommen leichter ins Gespräch. Wir stehen uns also im wahrsten Sinne nicht mehr selbst im Weg.

Richtiges Sprechen geht also so:

  1. Innehalten und wirklich präsent sein!
  2. Gut zuhören und hinschauen.
  3. Fragen, wie der andere sich fühlt, wie er die Idee findet, was er sich wünscht, etc.
  4. Eigene Bedürfnisse dabei ernst nehmen und ggf. aussprechen.
  5. Neugierig bleiben: Der andere könnte mich überraschen mit einem neuen Gedanken!

Körper, Atem und Stimme und auch Formulierungen dienen dann dem Selbstmanagement und helfen, uns beim Sprechen zu spüren und selbstwirksam in eine echte Konversation einzusteigen.

Bleiben Sie echt!

Ihre

Monika Hein

Eine Geschichte übers Scheitern – in Tirol.

Ich glaube, die meisten meiner Freunde können Skifahren. So scheint es mir zumindest, wenn ich die vielen strahlend weißen „blauer Himmel – weißer Schnee“ – Bilder mit strahlenden Menschen drauf auf Facebook anschaue. Irgendwie hab ich das Gefühl, die ganze WELT kann Skifahren. Ich nicht. Ich konnte als Kind den Berg Schuss runter fahren, that´s it. Als wir dann vor einigen Wochen in der Skihalle waren, kam mir das alles ganz easy vor – läuft!

Berge, wir kommen. Fix mal einen Kurzurlaub in den Bergen gebucht und ab in den Skikurs. Mit im Kurs: Meine Tochter, 15 und eine junge Juristin, 25.  Wir bekommen den Skilehrer B., der eigentlich auch als Motivationscoach arbeiten könnte. Nach jeder noch so kleinen Abfahrt ruft er „Und, wie findest du dich selbst?“, – was nach dem zehnten Mal dann auch ganz leicht nervt, und: Ich finde mich halt nicht sooo überzeugend auf den Brettern. Die Antworten auf seine begeisterten Fragen wechseln bei mir von „ganz okay“, „großartig“ und einfach einem grimmigen Blick.

So, also, der Seil-Lift, der Schlepplift, die erste blaue Piste. Uff. „Ist das hoch“, schießt es mir durch den Kopf. Wir üben ein paar Kurven – der Mann sagt freudig, „Aaach, Übungen könnten wir jetzt viele machen, aber ich will mit euch hoch hinaus, damit ihr schnelle Erfolge erlebt, Ihr macht das so toll!“ Zugegeben, er war super sympathisch und er wollte tatsächlich nur das Beste für uns.

Nächste Piste, nächster Lift – mir geht langsam die Puste aus. Er merkt das auch, mir geht es zunehmend schlechter, ich bin unzufrieden, mag nicht höher und weiter und schneller, sondern ganz entspannt die Technik üben. Bei der letzten Piste geschieht das, was kommen muss: Es geht los, der erste Teil ist geschafft. Nun kommt der zweite, und es geht – logisch – bergab. Ich habe auf einmal keine Kontrolle über meine Füße, Beine, Ski, oder was sonst noch so unter mir ist. Ich schiesse in einer gefühlt affenartigen Geschwindigkeit an der Juristin vorbei, fahre sie fast über den Haufen, komme irgendwo am Ende der Piste zum Stehen und dann geht etwas los, was ich noch nie erlebt habe: Ich fange an zu hyperventilieren. Ich habe meinen Atem nicht mehr unter Kontrolle. Der macht, was er will. Ein Schneemobil holt mich ab, wie peinlich, fährt mich ins Tal. Ich kann langsam wieder ruhig atmen, aber es dauert, bis ich meinen Schrecken überwunden habe, so ganz legt es sich nicht mehr in den nächsten Tagen. Allein die Tatsache, dass mein Freund, ein erfahrener Skifahrer, mir nach einer Tasse Kaffe noch einmal ganz entspannt die Technik zeigt, verhindert, dass ich gleich hinschmeiße. Aber, auch nach diesen Hilfestellungen und nach einem zweiten Tag Skikurs mit einem anderen Lehrer (der zum Leidwesen meiner Tochter sehr behutsam mit uns umgeht und sehr gründlich die Technik übt), komme ich nicht mehr recht da hin, dass es mir Spaß bringt, den Berg runterzufahren. Ich merke, dass ich das Risiko nicht eingehen möchte. Dass ich mich selbst überfordert habe und das nun wieder richten muss. Ein paar Mal noch stockt mir der Atem in den nächsten Tagen und ich blockiere einfach, mitten am Hang. Ein Mal trage ich sogar meine Ski den Berg ein Stück runter, weil mein Körper einfach nicht mehr will. Was für eine seltsame Erfahrung und – was für ein blöder Anblick. Die Leute auf der Piste müssen gedacht haben, ich hab sie nicht mehr alle. Zum Lachen war mir in den Momenten nicht mehr oft zumute, allerdings habe ich meine „Trauma“-Piste am Ende, flankiert von meiner Tochter und meinem Liebsten, doch noch geschafft. Darauf war ich stolz. Und jetzt kann ich auch langsam drüber schmunzeln.

Was lerne ich aus diesem Urlaub?

  1. Skifahren über 40 neu zu lernen ist ein großes Wagnis.
  2. Der Körper kennt seine Grenzen. Sie zu übergehen führt uns nirgendwo hin.
  3. Wenn der Atem nicht mehr mitmacht, ist es Zeit, aufzuhören.
  4. Kleine Schritte sind manchmal viel wichtiger als die Großen.
  5. Nur weil ich rufe „Ich find mich so toll!“ kann ich noch nicht alles, was ich vorhabe.
  6. Motivation ist schön, ist aber nicht alles. Kann sogar nach hinten losgehen…

Fahre ich wieder Ski? Vielleicht. Vielleicht gehe ich beim nächsten Urlaub in den Bergen aber auch spazieren, in die Sauna, genieße die Bergluft und freue mich für die, die Höhe und Geschwindigkeit mögen. Ich brauche beide momentan nicht.

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