Eine Geschichte übers Scheitern – in Tirol.

Ich glaube, die meisten meiner Freunde können Skifahren. So scheint es mir zumindest, wenn ich die vielen strahlend weißen „blauer Himmel – weißer Schnee“ – Bilder mit strahlenden Menschen drauf auf Facebook anschaue. Irgendwie hab ich das Gefühl, die ganze WELT kann Skifahren. Ich nicht. Ich konnte als Kind den Berg Schuss runter fahren, that´s it. Als wir dann vor einigen Wochen in der Skihalle waren, kam mir das alles ganz easy vor – läuft!

Berge, wir kommen. Fix mal einen Kurzurlaub in den Bergen gebucht und ab in den Skikurs. Mit im Kurs: Meine Tochter, 15 und eine junge Juristin, 25.  Wir bekommen den Skilehrer B., der eigentlich auch als Motivationscoach arbeiten könnte. Nach jeder noch so kleinen Abfahrt ruft er „Und, wie findest du dich selbst?“, – was nach dem zehnten Mal dann auch ganz leicht nervt, und: Ich finde mich halt nicht sooo überzeugend auf den Brettern. Die Antworten auf seine begeisterten Fragen wechseln bei mir von „ganz okay“, „großartig“ und einfach einem grimmigen Blick.

So, also, der Seil-Lift, der Schlepplift, die erste blaue Piste. Uff. „Ist das hoch“, schießt es mir durch den Kopf. Wir üben ein paar Kurven – der Mann sagt freudig, „Aaach, Übungen könnten wir jetzt viele machen, aber ich will mit euch hoch hinaus, damit ihr schnelle Erfolge erlebt, Ihr macht das so toll!“ Zugegeben, er war super sympathisch und er wollte tatsächlich nur das Beste für uns.

Nächste Piste, nächster Lift – mir geht langsam die Puste aus. Er merkt das auch, mir geht es zunehmend schlechter, ich bin unzufrieden, mag nicht höher und weiter und schneller, sondern ganz entspannt die Technik üben. Bei der letzten Piste geschieht das, was kommen muss: Es geht los, der erste Teil ist geschafft. Nun kommt der zweite, und es geht – logisch – bergab. Ich habe auf einmal keine Kontrolle über meine Füße, Beine, Ski, oder was sonst noch so unter mir ist. Ich schiesse in einer gefühlt affenartigen Geschwindigkeit an der Juristin vorbei, fahre sie fast über den Haufen, komme irgendwo am Ende der Piste zum Stehen und dann geht etwas los, was ich noch nie erlebt habe: Ich fange an zu hyperventilieren. Ich habe meinen Atem nicht mehr unter Kontrolle. Der macht, was er will. Ein Schneemobil holt mich ab, wie peinlich, fährt mich ins Tal. Ich kann langsam wieder ruhig atmen, aber es dauert, bis ich meinen Schrecken überwunden habe, so ganz legt es sich nicht mehr in den nächsten Tagen. Allein die Tatsache, dass mein Freund, ein erfahrener Skifahrer (und für mich sowieso der tollste Mann auf der Piste), mir nach einer Tasse Kaffe noch einmal ganz entspannt die Technik zeigt, verhindert, dass ich gleich hinschmeiße. Aber, auch nach diesen Hilfestellungen und nach einem zweiten Tag Skikurs mit einem anderen Lehrer (der zum Leidwesen meiner Tochter sehr behutsam mit uns umgeht und sehr gründlich die Technik übt), komme ich nicht mehr recht da hin, dass es mir Spaß bringt, den Berg runterzufahren. Ich merke, dass ich das Risiko nicht eingehen möchte. Dass ich mich selbst überfordert habe und das nun wieder richten muss. Ein paar Mal noch stockt mir der Atem in den nächsten Tagen und ich blockiere einfach, mitten am Hang. Ein Mal trage ich sogar meine Ski den Berg ein Stück runter, weil mein Körper einfach nicht mehr will. Was für eine seltsame Erfahrung und – was für ein blöder Anblick. Die Leute auf der Piste müssen gedacht haben, ich hab sie nicht mehr alle. Zum Lachen war mir in den Momenten nicht mehr oft zumute, allerdings habe ich meine „Trauma“-Piste am Ende, flankiert von meiner Tochter und meinem Liebsten, doch noch geschafft. Darauf war ich stolz. Und jetzt kann ich auch langsam drüber schmunzeln.

Was lerne ich aus diesem Urlaub?

  1. Skifahren über 40 neu zu lernen ist ein großes Wagnis.
  2. Der Körper kennt seine Grenzen. Sie zu übergehen führt uns nirgendwo hin.
  3. Wenn der Atem nicht mehr mitmacht, ist es Zeit, aufzuhören.
  4. Kleine Schritte sind manchmal viel wichtiger als die Großen.
  5. Nur weil ich rufe „Ich find mich so toll!“ kann ich noch nicht alles, was ich vorhabe.
  6. Motivation ist schön, ist aber nicht alles. Kann sogar nach hinten losgehen…

Fahre ich wieder Ski? Vielleicht. Vielleicht gehe ich beim nächsten Urlaub in den Bergen aber auch spazieren, in die Sauna, genieße die Bergluft und freue mich für die, die Höhe und Geschwindigkeit mögen. Ich brauche beide momentan nicht.

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