Praktische Selbstempathie bei zu viel Wahnsinn oder: Ich wär gern manchmal ignorant.

Heute ist wieder mal so ein Tag, an dem ich meine eigene Empathie in den Hintern tritt. Wie das geht? Ganz einfach: Die Haut ist zu dünn, alles kommt ungefiltert in die Seele.

Aufgewacht bin ich mit Neuigkeiten aus Sri Lanka. Mein guter, lieber Freund Thero, der Mönch, hat mich über die Zusammenhänge auf der Insel aufgeklärt und ich spüre noch jetzt seine Verzweiflung: Verschwörung, Korruption, Terror, viele Tote, viele tote Kinder – all diese schlimmen Dinge, die uns verzagen lassen und das Vertrauen in Regierungen verlieren lassen, wenn wir uns tiefer mit ihnen beschäftigen.

Als nächstes lese ich auf Facebook einen Bericht über die Klimakatastrophe, in dem steht, dass sie unaufhaltsam ist, wenn wir nicht binnen 5 Jahren radikal handeln. Dass unser Klima Millionen von Jahre zurückgeworfen wird in eine Zeit, in der es kein dauerndes Eis an den Polen gibt. Das macht mir Angst…. Darunter die höhnischen Kommentare derer, die meinen, es besser zu wissen als die Forscher. Klar doch. Ich forsche auch täglich selbst, logo.

Und natürlich liefert mir meine Timeline wie gewohnt Berichte über Tierquälerei, Ausbeutung der Erde und viele schlimme Dinge mehr.

Und dann ist es soweit. Eine Welle der Hoffnungslosigkeit übermannt mich.

Ich liege mit meinem Kaffee (zum Glück habe ich den da schon!) nach dem Wachwerden im Bett, lese, schreibe, kommuniziere, und auf einmal kommt mir alles so bedeutungslos vor. Die Fortbildung, die ich gerade gebucht habe, die Ferien an der Ostsee, die ich plane, aufregende und neue Projekte, – welche Bedeutung hat all das, während die Welt schon fast untergeht? Streichen wir einfach das fast. Gefühlt ist sie wirklich im Begriff, unterzugehen. Oder?

Ich hatte hier auf der Seite schon lange einen Entwurf für einen Text gespeichert, der sich mit Selbstempathie beschäftigt.

Lange kam er mir zu trocken vor, zu hölzern, irgendwie zu theoretisch. Der kommt auch noch raus, doch nicht heute.

Heute ist der Tag, an dem ich selbst intensiv üben darf, selbstempathisch zu sein. Weil diese Welle der Hoffnungslosigkeit sonst meinen ganzen Tag einfärbt, mir meine Schaffensfreude raubt und mich erstarren lässt.

Bestenfalls spiele ich dann ein sinnloses Spiel auf meinem Handy, um mich abzulenken, wenn auch nur kurzfristig.

Aber so darf es nicht sein. Thero, der selbst gerade sehr hoffnungslos ist, hat immer zu mir gesagt: Denk an dein eigenes Leben. Was nützt es, wenn du jemanden dein Vermögen gibst, wenn du dann selbst arm bist? Was nützt es, wenn du deine gute Laune opferst, wenn du nur bedingt etwas ausrichten kannst? Das versuche ich ihm auch gerade zu sagen, bei aller Trauer, die auf SriLanka gerade herrscht.

Ignorant sein ist schöner

Ganz ehrlich, manchmal wäre ich gerne so (doof und) ignorant wie die Menschen, die den Klimawandel leugnen, die meinen, dass Greta Thunberg besser mal in die Schule ginge, die denken, dass maßlos Fleisch zu essen doch ganz normal ist, und die nicht im Ansatz verstehen, wie die Massentierhaltung sukzessive unser Klima zerstört. Ich wäre manchmal gern so drauf wie diejenigen Kollegen und Kolleginnen, die stolz ihre Flugreiserouten posten, als gäbe es gerade nichts wichtigeres, über das wir reden müssen. Manchmal wäre ich wirklich gerne wieder in meiner eigenen kleinen Blase, in dem mir nichts etwas ausmacht und bei der ich für nichts die Verantwortung übernehmen muss. Diese Grenze habe ich lange überschritten, die gibt es nicht mehr. Aber manchmal wünsche ich mir doch ein ganz kleines bisschen davon zurück….und dieses kleine bisschen heißt Selbstempathie. Zurück ins eigene Leben. Zurück zu dem, was meine Möglichkeiten sind.

Was fange ich also mit so einem Tag an, der mich um meine Ruhe bringt mir meinen Frieden raubt?

Der erste Schritt ist schon getan: ich mache mir einen Kaffee. (Kritische Stimmen könnten jetzt einwerfen, ob der wohl fairtrade ist. Ich weiß es nicht mehr – vermutlich.)

Als nächstes gehe ich mit meinem Hund an die Alster und genieße die Aussicht. Und freue mich, dass meine kleine alte Hündin noch passabel laufen kann.

Gleich danach gehe ich eine Runde schwimmen, um meinen Körper wieder zu spüren, um rauszukommen aus dem Kopf, ins Handeln hinein.

Ich versuche, mich an diesem Tag zu erfreuen, trotz aller Leidensgeschichten dieser Welt. Weiter zu machen, mein Büro umzuziehen, dankbar zu sein für das, was ich für andere tun kann – in meinem kleinen Radius. Genau das hat Thero gestern Abend getan: Er hat zusammen mit anderen Menschen 600 Öllampen im Tempel angezündet und für sie meditiert, für die armen Seelen. Er hat das getan, was in seinen Möglichkeiten stand. Das können wir uns immer wieder fragen, wenn Dinge uns zu übermannen drohen: Was kann ich tatsächlich tun? Wie kann ich dennoch mein Leben leben? Und wem kann ich ein Lächeln schenken, wo mit anpacken, Menschen unterstützen und meinem Leben einen kleinen Sinn verleihen? Das alles fühlt sich gut an.

Das ist für mich praktische Selbstempathie.

Heute darf ich üben. Insofern gehe ich jetzt mein altes Büro aus- und das neue einräumen. Habt alle einen friedlichen Tag!

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