31. August 2021 Monika

Welche Stimme wird das Land regieren?

Das erste Triell - eine kleine Stimm-Analyse

Welche Stimme soll regieren?

Am Sonntag war es soweit: Die drei Kanzlerkandidaten, bzw. zwei Kandidaten und eine Kandidatin, traten zum sogenannten „Triell“ an.

Über Inhalte wird ja weithin diskutiert,  das müssen wir hier nicht tun. Thematisch ist es sehr komplex, – diese Wahl entscheidet über viele Dinge, die unser zukünftiges Leben bestimmen werden. 

Die Wirkungsebene, die uns emotional, jenseits der Inhalte erreicht, – die menschliche Stimme – ist ganz wesentlich in dieser Diskussion. 

Während der Sendung erreichte mich die Nachricht einer Freundin: „Annalena Baerbock spricht so gepresst, ich finde sie irgendwie unsympathisch deswegen“.

Ich fragte zurück, wie sie die anderen beiden fände, denn ich persönlich fand keine Stimme so richtig überzeugend – da geht noch weit mehr! 

Neben all dem, was uns inhaltlich wichtig ist, spielt also auch die Art und Weise, wie die drei Menschen das stimmliche Mischpult bedienen, eine Rolle. Die Stimme entscheidet oft über Sympathie und Antipathie, über Zustimmung oder Ablehnung. Ohne, dass wir den Finger drauf legen könnten, warum das so ist. 

Ich beschreibe die drei Stimmen heute möglichst neutral über meine Metapher, das stimmliche Mischpult. 

Das eine ist: Was passiert da genau physiologisch, das andere ist: Wie wirkt das Ganze dann.

Schauen wir uns doch mal an, was die drei da genau machen, wenn sie sprechen!

Regler 1: Der Körper. 

Der Körper ist unser Instrument. So wie wir uns halten, kann die Stimme klingen und entweder resonant oder auch dumpf sein.

So richtig resonant und ansprechend klang eigentlich keiner der drei, das möchte ich gleich vorweg nehmen.

Alle drei stehen recht aufrecht und präsent im Studio, das ist schon einmal gut. Allerdings hat die Haltung von Olaf Scholz etwas leicht Geducktes, was sich auf seine Kehlkopfstellung im Hals auswirkt und daher Einfluss auf seinen Stimmklang nimmt. Die Halswirbelsäule wird etwas starr beim Sprechen, so wie auch der fast stoische Blick und der fast reglose Oberkörper. 

Ganz anders dagegen der stark gestikulierende, leicht vorwärts aufs Pult geneigte Armin Laschet. Die Stimme reagiert mit Betonungen auf seine lebendige Gestik, die allerdings auch recht lehrmeisterlich daherkommt. 

Annalena Baerbock steht stolz, aufrecht und fast kämpferisch da. Ihr Kopf geht beim Sprechen oft leicht nach vorne, wenn sie aktiv spricht, auch gern mal nach hinten, wenn sie etwas nicht gut findet. Beides begünstigt die Enge in ihrer Kehle. Sie gestikuliert lebendig, nutzt beide Hände beim Sprechen in Richtung beider „Kollegen“- sie unterstreicht damit Dinge, die ihr wichtig sind. Beim Schlussplädoyer tritt sie als einzige vor das Pult – was sie sichtbar, aktiv und präsent erscheinen lässt. 

Regler 2: Atmung

Die Atmung ist die treibende Kraft beim Sprechen. Wenn wir ausatmen, schwingen die Stimmlippen und es entsteht ein Ton. Je nachdem, WIE wir ausatmen, entsteht ein entspannter, fließender oder gedrückter und fester Ton. Das mal ganz simpel dargestellt. 

Olaf Scholz atmet ruhig, fast unmerklich, – aus meiner Sicht könnte da mehr passieren in Sachen Luftstrom, damit seine Stimme an Brillanz und Ausdruck gewinnt. Eine tiefe Atmung ist unsere Vitalität und Lebenskraft, dockt an unsere Emotionen an. Hier wirkt Olaf Scholz sehr zurückgenommen. 

Armin Laschet dagegen atmet eher schell und engagiert. Wenn er sich aufregt, dann wandert die Atmung in die höheren Atemräume, die Stimme wird höher und schärfer. Die Wirkung ist dann vielleicht etwas angriffslustig bis hin zu abwertend – das letztere bezieht sich natürlich zusätzlich auf die Wortwahl.

Annalena Baerbock atmet hoch, in den Brustkorb, und noch dazu oft an Stellen im Satz, wo es eigentlich gar nicht sinnvoll ist, zu atmen. Da schnappt sie dann, mitten im Satz, förmlich nach Luft. Das wirkt in Teilen getrieben und angestrengt – eine fließende, ruhige und geführte Atmung würde auch ihren Stimmklang deutlich entspannen. 

Regler 3: Der Stimmklang

Alles bisher Beschriebene hat einen Einfluss auf den Stimmklang selbst. Hier unterscheiden wir zwischen einem entspannten Stimmklang und einer verspannten Stimme. Weiterhin spielt der Stimmsitz mit hinein – sitzt die Stimme eher vorne und klingt hell, oder hinten im Rachen, dann klingt der Stimmklang eher dumpf. 

Olaf Scholz hat einen relativ entspannten Stimmklang mit leicht rauen Anteilen. Der Stimmsitz ist recht weit hinten im Rachen, die Stimme wirkt wenig bewegt und hinterlässt einen eher sachlichen, ungerührten Eindruck. Der Glanz in der Stimme fehlt, was an den reduzierten Obertönen liegt. 

Armin Laschet dagegen hat einen helleren, direkteren und vorne klingenden Stimmklang, der ihn offensiv erscheinen lässt. Wie schon bei der Atmung beschrieben, ist er, wenn er sich engagiert und aufregt, etwas eng in der Kehle und klingt dabei hoch, eng und etwas gepresst. 

Annalena Baerbock hat eindeutig zu viel Druck auf der Stimme. Sie spricht mit diesem hohen Atemdruck, ihre Stimmlippen versuchen verzweifelt, mit diesem Druck umzugehen, sodass die Stimme öfter bricht. Sie wirkt dadurch unter Druck, andererseits engagiert. Aus gesundheitlicher Sicht wäre allerdings eine Entlastung anzustreben. 

Regler 4: Die Artikulation

Eine klare Aussprache erspart uns viele Erklärungen – und Klarheit wird in der Politik ja oft vermieden. Schauen wir also, wie die Sprechwerkzeuge der drei funktionieren:

Olaf Scholz zeigt eine sehr sparsame, oder sagen wir, effiziente Artikulation. Nicht zu viel Bewegung, dass würde den ruhigen Eindruck, den er hinterlässt, stören. Wenn er an einem lebendigeren Ausdruck interessiert wäre, würde ihm eine stärkere Bewegung der Lippen und der Zunge gut zu Gesicht stehen. 

Armin Laschet spricht recht deutlich, mit rheinländischem Einschlag. Wenn er sich aufregt, nimmt die Aussprache deutlich zu, wird fast scharf. In Summe also, was die körperlichen Regler angeht, ein stetiger Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung in allen Reglern. Wenn er urteilt, presst er die Lippen aufeinander, als müsse er seine Emotionen im Zaum halten. 

Annalena Baerbock hat einen ganz leichten S-Fehler, der ihrer sehr jungendlichen Ausstrahlung noch eine weitere „junge“ Nuance verleiht. Es handelt sich hier um einen addentalen Sigmatismus, die Zunge stößt leicht an die Zähne beim Sprechen. Insgesamt verhaspelt sie sich öfter, was wahrscheinlich der Aufregung geschuldet ist. Ein Zungentraining und Flexibilitätsübungen können hier Abhilfe schaffen. Beim Zuhören zieht sie öfter die Mundwinkel nach unten, was etwas unsouverän wirkt. Ihre Vokale, besonders der Vokal A ist sehr eng gesprochen. Etwas mehr Kieferöffnung und Racheweite wären hier gut und hilfreich! Grundsätzlich artikuliert sie jedoch stark, mit einer deutlichen Lippenrundung.

Regler 5, 6 und 7: Die Gestaltungregler

Satzmelodie, Tempo und Betonung prägen unseren Ausdruck.

Diese drei Elemente zusammen machen die Gestaltung dessen aus, was wir vorher mit dem Körper hergestellt haben. Wie lebendig wirkt das, was wir sagen? Wie sachlich? 

Bei Olaf Scholz ist die Sache schnell beschrieben, da ändert sich wenig: Ruhiger Satzfluss, wenig Melodie, Betonungen, die nicht unbedingt auf ein emotionales Gemüt schließen lassen. Gleichbleibendes Tempo. Er erinnert an einen sehr neutralen, sehr diplomatischen und beherrschten Nachrichtensprecher. Das kann Vertrauen schaffen. In längeren Reden dagegen könnte es schwer werden, dem Inhalt zu folgen, weil die Emotion fehlt.

Armin Lachet spielt (vor allem im Schluss-Statement) mit Pausen, variiert seine Melodie stark und dramatisch. Manches Mal soll es im Gespräch mitfühlend klingen, durch eine gedämpfte Melodie und einen gesenkten Ton. Ob ihm das gelingt, sei dahingestellt und dem einzelnen Ohr zur Interpretation überlassen. Während seiner Ausführungen nutzt er steigende Kadenzen, was deutlich macht, dass er noch nicht fertig ist. Er erinnert an einen Hörspielsprecher – viele Farben und Emotionen, manches Mal fast clowneske, helle Färbungen der Stimme. Das kann den Eindruck hinterlassen, dass er Dinge offen und emotional anspricht, dabei aber auch mal daneben liegt.

Annalena Baerbock gestaltet immer recht ähnlich: Lebendige Melodie, stark betont, stetig schnelles Tempo. Sie wirkt engagiert und erinnert an eine agile Reporterin. Immer flott dabei, immer etwas unter Druck. Das kann die Wirkung hinterlassen, dass sie die Dinge wirklich angeht, aber auch, dass sie unter Druck steht.

Insgesamt war dieser Abend nicht unbedingt ein Ohrenschmaus. 

Da Menschen aber oft aus Sympathie heraus entscheiden, ist dies bei der kommenden Wahl sicher ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Alle drei täten sich selbst einen Gefallen, ihre Stimmen noch ein wenig zu ölen auf dem Endspurt. 

Ich bin gespannt, was wir bei der nächsten Runde auf die Ohren bekommen!