7. Februar 2020 Monika

Wertschätzung ist doof (?)

Der Ton macht die Musik

Das ist der Titel meines Vortrags, den ich als Rednerin momentan oft in den unterschiedlichsten Kontexten halte. Theoretisch wissen wir das alle – klar, der Ton macht die Musik. Doch was sind das für Töne, die wir so rausposaunen, den ganzen Tag? Welche Musik machen wir, wenn wir sprechen? Sind es wertschätzende, liebevolle Töne? Oder doch auch oft andere? Ist es einfach, die richtigen Töne zu finden und zu wählen? Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto schwieriger erscheint es mir oft. Kommunikation ist oft zu schnell, so instinktiv, dass wir jede Menge Achtsamkeit brauchen, um mitzubekommen, was wir gerade raus senden.

Ich in meiner Rolle als Mutter habe festgestellt, dass ich, wenn ich nicht aufpasse, öfter mal in den Mutter-Mecker-Modus (kurz MMM) verfalle. Der MMM ist kurz, knapp, enthält Kommandos und betont den Mangel. Das ist wieder nicht aufgeräumt, dies hat nicht geklappt, jenes hat der Teenie-Nachwuchs wieder vergessen… Dieser Ton macht eine Musik, bei der ich mich oft frage, warum ich sie eigentlich spiele und ob es nicht auch anders geht?

Mangelnde Wertschätzung als Resultat von Projektion

Oder der Ton (MMM) richtet sich in Wirklichkeit gegen mich selbst – wir kennen das Phänomen der „Projektion“ – was mich an mir selbst nervt, das nervt mich dreimal am anderen. Ups, und DER Ton hat es dann besonders in sich, denn er drückt nach außen, zum anderen hin gesendet, das aus, was ich mir eigentlich selbst sagen möchte. Den MMM sollte ich also immer mal wieder überprüfen, denn manchmal ist es eben doch nicht die Spülmaschine, die nicht ausgeräumt ist, sondern etwas, was mich an mir selbst stört. Und wer bekommt den MMM  dann ab? Richtig, meine Tochter. (Zugegeben, manchmal ist auch was dran :-))

Sie hat mir einmal gesagt: „Bemerke doch auch mal die Dinge, die ich mache, statt nur die zu bemängeln, die ich NICHT mache!“ Und wie recht sie hat! Möglichkeit statt Mangel, das ist eine ganz einfache Entscheidung in jedem Moment – worauf lege ich meinen Fokus?

Das zu würdigen, was IST, ist viel wichtiger, als zu bemängeln, was NICHT ist. In meinen Coachings erzähle ich das Führungskräften oft für ein empathisches Miteinander mit den Mitarbeitern. Wertschätzung zu geben ist viel wirksamer, als den Mangel zu betonen. In der Erziehung, in der Beziehung, in Freundschaften ist das manchmal noch wichtiger und gleichzeitig noch schwieriger.

Self-Talk: Wertschätzung Fehlanzeige

Kommen wir zurück zum MMM, dem Gegenteil von wertschätzenden Tönen. Wenn ich meine kritischen Anmerkungen nicht nach außen sende, sondern nach innen, dann nennen wir das „Self-Talk“: Auch hier macht der Ton die Musik. Wie spreche ich eigentlich mit mir selbst? Wie oft sage ich ganz automatisch: „ah, bin ich doof!“ oder „Mist, schon wieder verpeilt!“ Das muss übrigens nicht mal laut sein, das passiert auch ganz leise, in mir drin. Ich kann es spätestens dann sehen, wenn ich in den Spiegel schaue, in welchem Ton ich gerade mit mir selbst rede. Auch hier gibt es einen Ton, eine Resonanz, die widerhallt und etwas kreiert – den eigenen, inneren Ton. Der macht dann meinen Zustand aus. Wenn ich mir manchmal selbst zuhöre, in diesen schwachen Momenten, dann sind da der innere Kritiker, der innere Scham-Beauftragte, der innere Perfektionist…und wie sie alle heißen. Ein munteres Grüppchen innerer Stimmen, die vor sich hin maulen. An diesen Tagen ist die schlechte Laune vorprogrammiert.

Hier könnte ich nun sehr tief einsteigen in höchst relevante Themen wie Selbstwert, Selbstliebe und Selbst-Empathie. Aber dafür würde der Platz hier nicht reichen. Wir empfinden uns doch immer wieder mal als „zu viel, zu laut, zu emotional, zu dumm, zu nah, zu….“. All das bräuchte eine große Portion Wertschätzung, sowohl von innen, als auch von außen, um langsam zu heilen.

Wertschätzung verteilen ist wie Schokoladenkuchen

Der schönere Ton ist also, zu würdigen, was IST, statt den Mangel zu betonen. Rein altruistisch ist das jedoch oft nicht, denn: Der, der die meisten Komplimente verteilt, ist oft der, der sie selbst gerade am stärksten braucht. Oder, wie einmal eine Kollegin zu mir sagte: Wer den größten Schokoladenkuchen verschenkt, hätte ihn selbst am dringendsten nötig. Können wir das auch so sehen? Jemand ist voll des Lobes über uns oder jemand anderen – und am schönsten wäre es für denjenigen, das auch mal selbst zu hören! An manchen Tagen stimmt das – wenn ich Menschen mit meiner Liebe überschütte, brauche ich sie eigentlich selbst. Statt das zu äußern, verteile ich dann lieber Schokoladenkuchen nach außen und hoffe, dass auch ein Hauch Schokolade für mich überbleibt. Das Schöne daran – es fühlt sich ja auch gut an, Menschen zu loben, sie strahlen zu sehen, weil man ihnen etwas Schönes sagt. Wertschätzung zu geben ist ein guter Weg, die Kommunikation zu verändern und sich gleichzeitig selbst was Gutes zu tun.

Es ist dann wohl „nur“ noch eine Frage des Maßes, ob der Empfänger damit in Resonanz gehen, die Wertschätzung annehmen und sich drüber freuen kann. Ich kenne auch das anders: Wenn mir jemand einen riesigen Kuchen voller Lob schenkt, ich aber in diesem Moment voll innerer Kritik bin, dass ich den gar nicht annehmen kann, dann ist er in der Tat zu süß für mich, zu viel, zu unglaubwürdig, zu klebrig. Dann habe ich auf der Empfängerseite das Gefühl, Wertschätzung sei nur eine Art Täuschung, Pflichterfüllung oder einfach Fake, weil: SOOO toll kann ich ja gar nicht sein, wie der andere sagt. Dann verpufft die Wertschätzung, weil ich sie im Inneren einfach nicht glaube. Wie schade!!!

Wenn Wertschätzung lästig wird

Nun gibt es den klugen Rat, Komplimente und Bestätigungen einfach mal anzunehmen, statt sich dagegen zu wehren. Ja, kann man machen. Das ist der erste Schritt. Das Innere schweigt aber oft nicht dazu. Auch wenn ich mich sehr bedanke, bleibt der innere Zweifel bestehen. Das betrifft vor allem Menschen, die unter dem Impostor-Syndrom leiden: Sie externalisieren Erfolge und ziehen sich Fehler dagegen rein, bis nichts von ihnen übrig bleibt. Sie bleiben also im Mangel stecken. Es kann sehr quälend sein und kann Erfolg dauerhaft verhindern, wenn Menschen selbst nicht an ihre Fähigkeiten, Errungenschaften und Möglichkeiten glauben können. Dann prallt fast jede Wertschätzung ab, als wäre sie nie ausgesprochen worden. Oder noch schlimmer: Wertschätzung wird dann als lästig und unangenehm empfunden.

Wertschätzung geben und Wertschätzung bekommen ist also auch eine Sache des Fingerspitzengefühls. Nicht jeder Mensch mag Schokoladenkuchen, sondern mag vielleicht lieber eine Stulle oder nur ein kleines Bonbon hier und da. Wie dem auch sei, wie so oft brauchen wir hier eine große Portion Einfühlungsvermögen, um mitzuschneiden, was der andere gerade braucht und was er vertragen kann. Wie viele schöne Töne er mag. Es macht Freude, das herauszufinden und lenkt den Fokus auf die Möglichkeiten, die wir als Menschen in der Kommunikation haben. Und die sind so vielfältig, dass der Ton tatsächlich die Musik macht. Probieren Sie es aus!